Angefangen hat alles bei meiner Mutter
Meine Mutter hat abends am Küchentisch genäht, und ich saß daneben und sah zu, wie aus einem Stück Stoff ein Kleid wurde. Den Geruch von neuem Stoff verbinde ich bis heute mit diesem Tisch. Als ich später meinen eigenen Laden hatte, ging es im Grunde immer noch um dasselbe. Eine Frau geht in die Kabine, kommt heraus, und auf einmal stehen ihre Schultern anders.
Warum ich jetzt schließe
Ich habe mich schweren Herzens entschlossen, Verena Modehaus zu schließen. Meine Enkelkinder werden schnell größer, und ich möchte dabei sein, nicht nur sonntags für zwei Stunden. Ein Geschäft zu führen heißt, immer zuerst an das Geschäft zu denken, und das habe ich viele Jahre lang gern getan. Niemand hat mich gedrängt, ich habe es selbst gemerkt, und es ist gut so.
Was jetzt noch da ist
Auf den Stangen hängt, was ich zuletzt für Sie ausgesucht habe, oft mit einer bestimmten Kundin im Kopf. Ich habe nie nach Menge eingekauft, sondern nach Stoff und Schnitt: ein Mantel, der auch im fünften Winter noch gut sitzt, eine Bluse, die man morgens nicht erst bügeln muss. Nachbestellt wird nichts mehr. Bevor ich die Tür zumache, würde ich mich freuen, wenn jedes Stück noch jemanden findet, der es gern trägt.
Danke für all die Jahre
In meinem Laden habe ich mehr vom Leben mitbekommen als sonst irgendwo: wer heiratet, wer ein Kind bekommt, wer nach einer schweren Zeit wieder Farbe trägt. Manche von Ihnen kenne ich, seit Sie Ihr erstes Bewerbungskostüm gesucht haben, und eine Kundin ist dreimal wegen desselben grünen Kleides wiedergekommen, bis sie es beim vierten Mal endlich mitgenommen hat. Dass Sie mir all das erzählt haben, während Sie vor dem Spiegel standen, war das Schönste an dieser Arbeit. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.
Schauen Sie sich in Ruhe um und nehmen Sie mit, was Ihnen gefällt. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ihre
Verena Baumgartner